Fragen & Antworten
29.06.2023, 07:06 Uhr
Europa auf dem Weg zum digitalen Euro
Das Bezahlen ohne Schein und Münze wird immer selbstverständlicher. Auch Zentralbanken
weltweit tüfteln daher an digitalen Varianten ihrer jeweiligen Währung. Europa tut nun den nächsten
Schritt.
Die Vorbereitungen laufen seit Jahren, nun folgt der nächste Schritt auf dem Weg
zur möglichen Einführung eines digitalen Euros. Die EU-Kommission stellte einen Rechtsrahmen für eine
digitale Variante der europäischen Gemeinschaftswährung vor. Zugleich setzt sich Brüssel für einen
besseren Zugang zu Bargeld ein.
Die Europäische Zentralbank (EZB) will im Oktober entscheiden, ob sie die Arbeiten
an einem digitalen Euro weiter vorantreiben wird. Da es bereits reichlich digitale Bezahlangebote gibt,
fragt sich mancher: Wofür braucht es überhaupt Zentralbankgeld, das man nicht anfassen kann?
Wird das Bargeld abgeschafft?
Nein. EU-Kommission und EZB haben immer wieder betont, dass ein digitaler Euro
eine Ergänzung zu Scheinen und Münzen wäre und nicht das Bargeld ersetzen soll. «Wir werden den
Bürgerinnen und Bürgern so lange Banknoten zur Verfügung stellen, wie es eine Nachfrage danach gibt»,
sagte jüngst EZB-Direktoriumsmitglied Fabio Panetta. In einem Gastbeitrag in mehreren Tageszeitungen
versicherten Panetta und EU-Kommissions-Vize Valdis Dombrovskis, Kommission und EZB würden «alles
daransetzen, dass Bargeld auch weiterhin in allen 20 Mitgliedsländern verfügbar ist und akzeptiert
wird». Doch es brauche den Digi-Euro als zweite Option: «Hätten wir beide Optionen – Euro-Bargeld und
einen digitalen Euro –, so könnten alle frei wählen, wie sie bezahlen möchten, und niemand würde digital
abgehängt.»
Ist der Treueschwur zum Bargeld nur ein Lippenbekenntnis?
Im Gegenteil. Brüssel setzt sich dafür ein, dass Bargeld weiterhin breit
akzeptiert wird und Verbraucher flächendeckend Zugang dazu haben. Dies soll ein zweiter
Gesetzesvorschlag sicherstellen, den die EU-Kommission am Mittwoch vorlegte. Dieser soll regeln, dass
der Trend, nur noch bargeldlose Zahlungsmethoden zu akzeptieren, nicht überhandnimmt. Einige Menschen
hätten wegen der Schliessung von Bankfilialen und des Abbaus von Geldautomaten zudem Schwierigkeiten, an
Bargeld zu gelangen, stellte die EU-Kommission fest.
«Um den Status des Bargelds als gesetzliches Zahlungsmittel in der Praxis zu
erhalten, muss der leichte Zugang zu Euro-Bargeld gewährleistet sein, denn wenn die Bürger keinen Zugang
zu Bargeld haben, können sie nicht damit bezahlen und der Status als gesetzliches Zahlungsmittel wird
untergraben», heisst es in dem Gesetzesvorschlag.
Zusätzlich will Brüssel mit der Überarbeitung der europäischen
Zahlungsdienste-Richtlinie (Payment Service Directive/PSD3) dafür sorgen, dass Menschen in der EU
künftig einfacher an Bargeld kommen. Die EU-Kommission will etwa, dass Einzelhändler Scheine und Münze
ausgeben können, ohne dass Verbraucher etwas kaufen müssen.
Was steht im Gesetzesvorschlag zum digitalen Euro?
Verbraucher sollen nach dem Willen der EU-Kommission neben Euro-Münzen und
-Scheinen in Zukunft auch einen digitalen Euro als gesetzliches Zahlungsmittel nutzen können. Das
heisst: Händler wären verpflichtet, den digitalen Euro zu akzeptieren. Es soll aber Ausnahmen geben: Ein
kleiner Kiosk, der bisher nur Bargeld annimmt, weil er kein Kartenlesegerät hat, soll nicht zur Annahme
von digitalen Euro gezwungen werden.
Wichtig sei, dass ein digitaler Euro sowohl für Online- als auch für
Offline-Zahlungen zur Verfügung stünde, betonte die Kommission. Heisst: Zahlungen sollen von Gerät zu
Gerät auch dann möglich sein, wenn es keine Internetverbindung gibt, also etwa in einer Tiefgarage.
«Banknoten und Münzen (…) können die Wirtschaft der EU im digitalen Zeitalter
nicht allein tragen», heisst es in dem Gesetzesvorschlag. Es sei notwendig, eine neue Form der
offiziellen Währung einzuführen, die risikofrei sei. «Das Fehlen einer weithin verfügbaren und nutzbaren
Form von Zentralbankgeld, die technologisch an das digitale Zeitalter angepasst ist, könnte auch das
Vertrauen in das Geld der Geschäftsbanken und letztlich gegenüber dem Euro selbst schmälern.»
Was soll ein digitaler Euro bringen?
Grundsätzlich ermöglichen digitale Bezahlverfahren, Geschäfte binnen Sekunden
abzuwickeln, auch über Landesgrenzen hinweg. Im Gegensatz zu sogenannten Kryptowährungen wie Bitcoin und
Ether, deren Kurse oft stark schwanken, böte die Einführung einer virtuellen europäischen Währung
Privatanlegerinnen und -anlegern eine stabilere Alternative, da sie eins zu eins an den Euro gekoppelt
wäre. Die EZB würde die Stabilität eines digitalen Euro sichern.
Zudem bekäme Europa mit einem digitalen Euro ein eigenes Angebot für digitale
Zahlungen als Alternative zu Zahlungsdienstleistern, die nicht in Europa beheimatet sind wie etwa der
US-Riese Paypal. «Ein System, das sich auf eine europäische Infrastruktur stützt, wäre besser gegen
Störungen, einschliesslich Cyberangriffe und Stromausfälle, gewappnet», warben Panetta und Dombrovskis.
Wie könnte ein digitaler Euro ausgestaltet sein?
Banken könnten den digitalen Euro wie Bargeld von den Notenbanken beziehen.
Verbraucher würden ihn in einer digitalen Geldbörse, einer sogenannten Wallet, gutgeschrieben bekommen.
«Überall im Euroraum könnten die Menschen mit dem digitalen Euro kostenlos bezahlen, etwa mithilfe einer
digitalen Geldbörse oder per Smartphone», erklärten Dombrovskis und Panetta. EZB und EU-Kommission
erwarten auch, dass Bezahlvorgänge günstiger werden: «Mit einem digitalen Euro würden (…) die Gebühren
sinken, die Verbraucher für Zahlungen entrichten, denn er würde den Wettbewerb in Europa beflügeln.»
Wie ist der Zeitplan?
Mit der Einführung eines digitalen Euros wird frühestens 2026 gerechnet. Mitte
Juli 2021 beschloss die EZB, die Vorarbeiten auf die nächste Stufe zu heben: In einer zweijährigen
Untersuchungsphase geht es seit Oktober 2021 etwa um Technologie und Datenschutz. Im Oktober des
laufenden Jahres will der EZB-Rat entscheiden, ob eine Vorbereitungsphase zur Entwicklung und Erprobung
des digitalen Euros eingeleitet werden soll, wie EZB-Direktoriumsmitglied Panetta jüngst sagte: «Diese
Phase könnte zwei oder drei Jahre dauern. Wenn der EZB-Rat und die europäischen Gesetzgeber –
Mitgliedstaaten und Mitglieder des Europäischen Parlaments – zustimmen, könnten wir den digitalen Euro
in drei oder vier Jahren einführen.»
Gibt es auch in anderen Regionen digitale Währungen?
Weltweit arbeiten nach Angaben des Bundesfinanzministeriums aus dem April 114
Staaten an der Entwicklung des sogenannten digitalen Zentralbankgelds (Central Bank Digital Currencies –
CBDC). Anfang Februar beispielsweise teilten das britische Finanzministerium und die Bank of England
mit, die Einführung eines digitalen Pfunds zu prüfen. Vergleichsweise weit vorangeschritten ist in
Europa das Projekt E-Krona der schwedischen Zentralbank, denn in dem skandinavischen Land werden Schein
und Münze kaum noch genutzt.
China arbeitet schon länger an einer digitalen Variante seiner Währung Renminbi.
«Der chinesische digitale Renminbi (e-CNY) etwa verzeichnete schon Ende des Jahres 2021 über 260
Millionen Nutzerinnen und Nutzer», schreibt das Bundesfinanzministerium in seinem Monatsbericht April
2023. «Elf Staaten hatten im März 2023 digitales Zentralbankgeld bereits breit im Markt eingeführt,
darunter Nigeria und Jamaika.»
Wie stehen Verbraucher zu der Idee eines digitalen Euros?
Die Mehrheit der Menschen in Deutschland sieht die Arbeiten mit Skepsis. In einer
Ende Mai veröffentlichten Umfrage im Auftrag des Bankenverbandes BdB stimmten drei Viertel der 1008
Befragten (76 Prozent) der Aussage «sehr» beziehungsweise «eher» zu, ein digitaler Euro sei nicht
notwendig, weil vorhandene Zahlungsmöglichkeiten ausreichten. «Es gibt derzeit keine offensichtliche
Lücke, die ein digitaler Euro im normalen Zahlungsverkehr schliessen müsste», meint auch der
CSU-Europaparlamentarier Markus Ferber. «Wenn die Menschen den Mehrwert einer digitalen Währung nicht
sehen, wird der digitale Euro ein Akzeptanzproblem haben.»
Dagegen begrüsste die europäische Verbraucherschutzorganisation Beuc am Mittwoch
die Initiative zum digitalen Euro: «Es ist höchste Zeit, dass wir uns aus der Abhängigkeit von den
grossen internationalen Kartensystemen lösen, um on- und offline bezahlen zu können.»
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